Ask-Culture und Guess-Culture: zwei Kommunikationsformen

Hast du schon einmal von einer Ask-Culture und Guess-Culture gehört? Nein? Hatte ich vor diesem Blogartikel auch noch nicht. Doch im Zuge einer privaten Konfliktsituation, meinen Beobachtungen von Kommunikations- und Verhaltensarten und Austausch mit einem Coachingkollegen, fielen schließlich die Begriffe „Guess-Culture“ und „Ask-Culture“. Ich recherchierte und mir fiel es wie Schuppen von den Augen: „Ah, alles klar, das macht nun alles Sinn“.

Doch von vorne … Vielleicht kennst du folgende Situation:

Ein Freund / eine Freundin ruft dich an und teilt dir mit, dass er oder sie demnächst in deiner Nähe einige Tage zu tun hat. Er oder sie hat noch keine Übernachtungsmöglichkeit.

Nun gibt es zwei verschiedene Möglichkeiten, dies zu erfragen:

  • Die Person fragt dich direkt, ob sie bei dir übernachten kann („Sag mal, kann ich dann bei dir übernachten?“
  • Die Person fragt dich nicht direkt, sondern fragt „durch die Blume“ („Weißt du, wo ich vielleicht übernachten könnte?”)

Kennst du das? Dieses Beispiel ist natürlich auf jede andere Situation übertragbar. Im Kern geht es um die Kommunikationsform, d.h. wie jemand kommuniziert. Denn da gibt es mitunter zwei unterschiedliche Kommunikationsstile:

  • Direkt fragen (Ask-Culture)
  • Durch die Blume fragen (Guess-Culture)

Diese unterschiedlichen Ansätze können, wie du dir vielleicht vorstellen kannst, zu Konflikten und Missverständnissen führen, wenn die beteiligten Personen nicht wissen, dass sie so unterschiedlich kommunizieren und warum sie dies tun. Denn beide Herangehensweisen haben unterschiedliche Beweggründe.

Die Ask-Culture (oder: Frage-Kultur)

Diese Kultur basiert auf der Idee, dass es gesellschaftlich akzeptabel und ermutigend ist, direkt um Hilfe zu bitten, auch wenn es als Antwort vielleicht ein „Nein“ gibt. Eine direkte Frage wird hier nicht als falsch oder übergriffig empfunden, da in dem Verständnis eines „Fragenden“ jeder für sich selbst die Verantwortung übernimmt und bei allen Beteiligten ein gesundes Maß an Abgrenzung und Selbstfürsorge vorausgesetzt wird.

Die Guess-Culture (oder: Rate/Erahnen-Kultur)

Diese Kultur hingeben glaubt, dass ein direktes Fragen nur dann gesellschaftlich akzeptabel ist, wenn der Zeitpunkt der richtige ist. Fragen zum falschen Zeitpunkt wird als übergriffig empfunden. Jemand aus der Rate-Kultur geht davon aus, dass der Andere sich in ihn hineinzuversetzen hat und erahnen möge, ob und wann eine Frage bzw. Handeln angemessen ist oder nicht.

Was heißt das nun konkret?

Du kannst ja mal für dich schauen, ob du eher zur Ask-Culture oder zur Guess-Culture gehörst. Vielleicht wirst du auch situationsbedingt deine Kommunikation anpassen und entsprechend handeln. Doch ich glaube, dass es sehr wohl eine Tendenz zur einen oder anderen Kultur gibt.

Früher war ich in der Guess-Culture

Ich kann für mich sagen, dass ich früher definitiv zur Guess-Culture gehörte. Ich musste in meiner Kindheit sehr früh lernen, zu erkennen, was gerade energetisch um mich herum geschieht und habe gelernt, mich entsprechend anpassen. Ich habe mich somit automatisch dahin trainiert, Stimmungen anderer Menschen zu „lesen“ und habe ein feines Gespür dafür entwickelt, wann ein guter Zeitpunkt sein könnte, um etwas zu bekommen. Nicht durch direktes Erfragen, sondern durch ein „Herumlavieren“.

Ein „Nein“ habe ich als Ablehnung empfunden. Das war eine schmerzhafte Erfahrung für mich, vor der ich mich schützen wollte. Ein Erspüren meiner Bedürfnisse und direktes in-Kontakt-bringen gab es für mich nicht. Ich machte Aussagen, von denen ich hoffte (oder vermutete), dass sie eine Antwort zu meinen Gunsten bringt. Oder ich machte Vorschläge, die als Fragen getarnt waren, so dass der andere nur zustimmen konnte.

Ich wollte niemanden mit einem direkten Fragen unter Druck setzen. Mein Gegenüber sollte die Wahl haben, selbst zu entscheiden, ob er mir ein Angebot zur Hilfe macht oder nicht. Direktes Fragen habe ich als Forderung erlebt. Ich wollte nicht fordernd wirkend und vermied Konflikte. Ich hätte niemals einen Konflikt direkt angesprochen, sondern bin diesen Menschen und Situationen aus dem Weg gegangen.

„Endlich Ruhe“, dachte ich.

Und emotional alleine – das schreibe ich JETZT.

Während ich das gerade so schreibe und mir dessen noch mal bewusst werde, denke ich „Oh Mann, was habe ich da doch gemacht … und nehme mich gerade einmal selbst in den Arm, atme tief und schaue mir noch einmal bewusst die positiven und negativen Qualitäten der Rate-Kultur an:

Positive Qualitäten der Guess-Culture:

  • feines Gespür
  • Fokus auf andere gerichtet
  • aufmerksam sein
  • sozial angepasst sein
  • eher „weibliche“ Energie, sanft

Negative Qualitäten der Guess-Culture (aus Sicht der Ask-Culture):

  • um den heißen Brei herumreden / unverständlich
  • manipulatives Erfragen
  • passiv-agressive Haltung
  • Opferhaltung
  • Schwierigkeiten „Nein“ zu sagen und ein „Nein“ zu erhalten
  • wenig Selbst-Abgrenzung bzw. Selbstfürsorge
  • Aufmerksamkeit auf andere gerichtet und damit weg von sich selbst

Heute bin ich in der Ask-Culture

Heute kommuniziere ich in der Frage-Kultur. Wie es dazu gekommen ist?

Ich habe vor einigen Jahren die Ausbildung zur „Heldenreisenleiterin“ gemacht (die „Heldenreise“ ist ein einwöchiges Selbsterfahrungsseminar) und habe da als Assistentin ständig Rotz und Wasser geheult, wenn im Raum „soviel Liebe“ war, sprich, wenn energetisch ganz viel Liebe und Wohlwollen im Raum war – durch ein Sich-Zeigen mit Gefühlen, die gerade da sind. Die geballte Ladung an einem liebevollen Miteinander hat mich damals so überwältig, dass ich ständig weinend da saß.

Einer der Seminarleiter kam in der Pause zu mir und meinte mit einem Lächeln „na, du Heulsuse“, was mich im ersten Moment sauer machte und ich ihm daraufhin ausführlich erkläre: „Soviel Liebe kenne ich nicht, das ist mein Mangel aus der Kindheit, mich berührt das, wenn das Miteinander so liebevoll ist. Das kenne ich nicht …“

Er guckte mich an und sagte daraufhin: „Na und? Selbst wenn du diese Liebe nicht kennst und zudem weißt, dass dies dein frühkindlicher Mangel ist, dann hole dir das doch heute. Hole dir doch heute die Liebe, die du brauchst.“

Ich guckte ihn irritiert an und fragte: „Wie, darf ich das?“

Er antwortete: „Ja, das darfst du. Das ist sogar heute dein Job als Erwachsener. Du darfst dir heute das holen, was du brauchst.“

Da machte es „Klick“ bei mir. Ich habe diesen Switch richtig gemerkt.

Ich darf mir holen, was ich brauche

Ab dem Zeitpunkt bin ich fast stündlich zu ihm gegangen und habe nach einer Umarmung gefragt. Hach, war das herrlich, diese Umarmungen … ein Auffüllen und Nachnähren … und auch wenn ich mal ein „Nein, jetzt nicht“ bekommen habe, war das nicht weiter schlimm für mich, denn ich erfuhr, dass es erstens noch weitere Menschen gibt, die ich fragen kann und zweitens, dass ICH es bin, die den Mangel aktiv füllen kann. Diese Erfahrung war sehr wichtig für mich und hat tatsächlich bewirkt, dass ich mir ab diesem Zeitpunkt die Ask-Culture erlaubte.

Bei der Frage-Kultur gibt es natürlich auch positive und negative Qualitäten:

Positive Qualitäten der Ask-Culture:

  • direkt und klar
  • radikal ehrlich
  • gesunde Abgrenzung und Selbstfürsorge
  • Fokus auf sich selbst (bei sich sein)
  • eher „männliche“ Energie, dominant

Negative Qualitäten der Ask-Culture (aus Sicht der Guess-Culture):

  • Wenig empathisch und unachtsam
  • egoistisch
  • eigene Bedürfnisse durchsetzend
  • manipulativ („fordernd“, ich habe keine Wahlmöglichkeiten als Guesser)
  • grenzüberschreitend / übergriffig
  • dominant
  • aggressiv

Ich finde beide Kommunikationsmethoden mit ihren unterschiedlichen Qualitäten sehr sinnig und möchte nicht behaupten, dass die eine besser als die andere ist. Das kann jeder für sich selbst entscheiden.

Ich habe mich jedoch im privaten und beruflichen Kontext überwiegend für die direkte Frage-Kultur (Ask-Culture) entschieden, da ich sie persönlich als „gesünder“ empfinde. Gesünder im Sinne von ein “reifes und erwachsenes Miteinander“. Das heißt nun nicht, dass ich komplett unachtsam und unempathisch meinen Mitmenschen gegenüber bin. Ganz im Gegenteil sogar. Ich wende mein feines Gespür ganz viel in meiner Arbeit an.

Jeder trägt die Verantwortung für sein Denken, Fühlen und Handeln

Doch mich entspannt auch die gestalttherapeutische Haltung (durch die Ausbildung zur Gestalttherapeutin) in mir, die besagt, dass jeder für sich selbst verantwortlich ist. Verantwortlich für sein Denken, Fühlen und Handeln und dieses auch eigenverantwortlich in Kontakt bringen darf.

Ich nehme heute nichts mehr für mein Gegenüber ab und gehe da auch nicht mehr in Verantwortung, da dieser Mechanismus mich letztendlich in meinen Burnout geführt hat.

Die Guess-Haltung, bei der ich mehr bei dem anderen bin (und weniger bei mir selbst) und erahne, wie es der Person gerade geht, was ich gerade sagen oder fragen kann oder in welcher Form ich gerade agieren kann, empfinde ich heute eher als anstrengend.

Das Weltbild der Selbstverantwortung (Ask-Stil) entspannt mich dagegen ungemein. Hier muss ich nichts erahnen, muss mich nicht anpassen und verstellen, sondern kann ICH sein und darauf vertrauen, dass mein Gegenüber genauso denkt, fühlt, handelt und „Störungen“ direkt in Kontakt bringt.

Mich entspannt das, weil ich dann bei mir und meinem Innenleben (Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen) bin, die ich wiederum eigenverantwortlich kommunizieren kann. Was ich unter eigenverantwortlicher Kommunikationverstehe, erfährst du im nächsten Blog, der demnächst hier erscheint …


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